Das vorarlberg museum und sein Team stellen aussergewöhnliche Objekte aus der Sammlung vor – ein Panoptikum von originell bis skuril, von zeittypisch bis herausragend

 

Wissen Sie was eine Wachsrodel ist? Schon mal was von einer Pudelflasche gehört? Von einem Haarbild? Das vorarlberg museum beherbergt nicht nur wertvolle Kunstwerke von namhaften Künstlern, kostbare archäologische Funde und einzigartige volkskundliche Objekte. Auch manch Kurioses, Außergewöhnliches oder Seltenes findet sich unter den mehr als 150 000 Objekten der Sammlung.

Wachsrodel

Vorgestellt von Mag. Irina Koutoudis, Leitung Kommunikation/Marketing

 

Wachsrodel mit Jesuskind

Wachs, Schnur

P 470

 

Wachsrodeln gehören für mich persönlich zu den, sagen wir geschmacklich fragwürdigsten Dingen in der Sammlung. Allein das Material, Wachs, in bunten Kordeln zu einem Rahmen oder Körbchen zusammengedreht vermittelt mir den Eindruck von einer ungewohnten,  sonderbaren Haptik. Aus einer Vielzahl an Wachsrodeln ( vom lat. „rotulus“ = die Rolle) habe ich dieses mandorlaförmige Körbchen mit einem Jesuskindlein in der Mitte ausgewählt. Die Wachsrodeln oder auch Wachstöcke sind aus einer dünnen Wachsschnur bestehende Knäuel, die in den Klöstern oder im privaten Haushalt oft in kunstvoller Weise geformt, bemalt und verziert wurden. Vielfach wurden sie als Wallfahrtsandenken nach Hause gebracht und im Herrgottswinkel aufgestellt.

Montafonerin in Landestracht

Vorgestellt von Mag. Ute Pfanner, Leiterin Sammlungsbereich Kunst 

Franz Josef Bertle, Montafonerin in Landestracht 

Öl/Leinwand
66×43,4 cm
VLM Gem 22

 

Die Montafonerin, wohl zum sonntäglichen Kirchgang bereit, Gebetbuch und Rosenkranz auf dem Tisch, füttert eben noch einen handzahmen Gimpel mit Walnußstückchen. Damals kam es nicht selten vor, dass Vögel gefangen wurden um sie als Wintergäste in die Stube aufzunehmen. Die Dargestellte trägt die im 19. Jahrhundert besonders geschätzte Taltracht mit „Mäßli“, der ältesten Kopfbedeckung der Montafonerin aus Schafwolle. Der Künstler, Franz Josef Bertle (1828-1883) aus einer bekannten Montafoner Künstlerfamilie stammend, stellte die Montafonerin in stillebenhafter Interieurszene dar. Entsprechend der traditionsbewussten Kleidung steht sie in einer für die Talschaft typischen getäfelten Stube, zwischen Spinnrad und eingelegtem Tisch mit Schieferplatte.

Der Untergang des Dampfbootes Ludwig

Vorgestellt von Dr. Peter Melichar, Leiter Sammlungsbereich Geschichte

Der Untergang des Dampfbootes Ludwig am 11. März 1861
Modell aus Holz, Glas, Stoff, Draht, Gips und Metall, U46

Im Depot des vorarlberg museums ist in einem Glaskasten ein Verkehrsunfall auf dem Bodensee nachgestellt: die Kollision zweier Dampfboote am 11. März 1861 vor der – damals noch schweizerischen – Rheinmündung. Unfälle dieser Art wurden damals als göttliche Mahnung aufgefasst, als Eingriffe in das anmaßende Verhalten der Menschen. Das zeigt auch eine Inschrift auf dem Kasten: „Ihr wisset weder den Tag, noch die Stunde des Todes“. Erst später wurden – vor allem im Zusammenhang mit Eisenbahn und Motorisierung – Unfälle mit Hilfe von Statistik, Technik, Medizin und Psychologie analysiert und bekämpft. Die Darstellung weckt Assoziationen an die Arche Noah, schließlich starben bei dem Unfall nicht nur 13 Personen, sondern auch 11 Stück Vieh. An anderer Stelle im Depot stehen zwei ähnlich gestaltete Glaskästchen, die ebenfalls auf den Unfall Bezug nehmen und jeweils Opfern gewidmet sind.

Prunkschlitten

Vorgestellt von Dr. Theresia Anwander,  Leiterin der Volkskunde

Ta 657/0211

Prunkschlitten, vermutlich aus Dornbirn, 18. Jahrhundert

Ankauf 1904

 

Während der letzten Sonderausstellung im alten Landsmuseum am Kornmarkt war mein „Ding der Woche“ als prominentes Ausstellungsstück im obersten Stockwerk der Ausstellung „Schnee. Rohstoff der Kunst“ zu sehen – herrschaftliches Gefährt mit zwei Reitsitzen in Form eines imposanten Löwen und eines Hundes. Die Spitze der beiden Kufen ziert ein vergoldeter Adler. Prunkschlitten dienten besonders in der Barockzeit der Repräsentation und dem Vergnügen von adeligen und wohlhabenden Bevölkerungsschichten. Die Schlitten wurden je nach Form und Größe ein- oder mehrspännig gezogen. Meist saß die Dame vorn und hinter ihr der Kavalier oder Schlittenführer. Die verwendeten Materialien und die Vielfalt der Gewerke, die zur Herstellung eines Schlittens beitrugen, zeugen von einer reichen Handwerkskultur und vom Luxus dieses Vergnügens. Auch zu Beginn des Frühlings ein durchaus würdiges „Ding der Woche“.

Küchenmodell von Hasso Gehrmann

Vorgestellt von Traude Pregetter, Sekretärin

 

U 0068

Modell Liftküche, um 1970

Kunststoff, diverse Materialien

 

Während seiner Tätigkeit für den Hausgerätehersteller Elektra Bregenz beschäftigte sich der Designer Hasso Gehrmann (1924 – 2008) u. a. mit der Entwicklung innovativer Wohnkonzepte. Das Projekt „Die Totale Wohnung“ von 1968–1972 verzichtet zu Gunsten von variablen Raum- und Funktionselementen auf eine herkömmliche Zimmereinteilung. Als Teil dieses Konzepts verwandelte sich die sogenannte Lift-Küche nach dem Kochen mittels einer ausgeklügelten Automatik in Esstisch, TV- und Bücherschrank, Hausbar und Raumteiler.

Gehrmann, der neben seiner Tätigkeit als Produktdesigner auch als Künstler und Philosoph wirkte, hat ca. 30 Patente angemeldet, von denen keines realisiert wurde. Seine Vision von einer „Wohnmaschine“, die weitgehend unabhängig von den jeweiligen architektonischen Gegebenheiten funktioniert, teilte er jedoch mit anderen bedeutenden Designern seiner Zeit. Von der von ihm 1969/1970 entworfenen Küche „Elektra Technovision – die erste vollautomatische Küche der Welt (ETV)“ existiert ein nicht mehr funktionsfähiges Vorführmodell, das um 1970 auf internationalen Möbelmessen höchste Aufmerksamkeit erzielte, und das seit 2004 im Deutschen Hygiene Museum in Dresden als „Gehrmann-Küche“ präsentiert wird. Die hier abgebildete „Lift-Küche“ wurde von Hasso Gehrmann als ein alternatives Küchenelement zur „ETV“ entworfen.

 

Kontaktkopierer

Vorgestellt von Mag. Ute Pfanner, Leitung Sammlungsbereich Kunstgeschichte

Kontaktkopierer, Typ 2, 1936

Metall, Holz, Bakelit

VLM Ta 1784

 

Im Arbeits- wie im privaten Bereich mittlerweile als ganz selbstverständliches Gerät in Gebrauch, steht der Kopierer für die technische Modernisierung des 20. Jahrhunderts. Das dargestellte Gerät ist das erste Kontaktkopiergerät der Firma Müllersohn aus Bielefeld. Es erlaubte dem Benutzer erstmals die Belichtungszeit selbst zu regulieren. Bei seiner Markteinführung auf der Leipziger Messe wurde dieses Gerät als neue technische Errungenschaft gefeiert. Der Kontaktkopierer wurde dem vorarlberg museum 2008 als Schenkung aus Privatbesitz übergeben.

Heilige Länge

Vorgestellt von Mag. Irina Koutoudis, Leitung Kommunikation/ Marketing

Umriß Marienfuß auf Papier, Invent. Nr. P471, Länge 19 cm, aus altem Bestand

 

In der Sammlung des vorarlberg museums befindet sich im Bereich der kirchlichen und religiösen Objekte der Umriss eines Fußes auf Papier aus dem 17. Jahrhundert. Ich habe dieses Objekt als „Ding der Woche“ ausgewählt, weil es auf eindrucksvolle Art die Kuriosität manch eines Ablasshandels verdeutlicht. Denn auf dem papiernen Fußabdruck steht geschrieben, dass wer dieses „wahrhafte Maß“ andächtiglich küsst und drei Vater Unser spricht, 700 Jahre Ablass seiner Sünden erwarten kann.

(„Das rechte und Wahrhaffte Maß deß Fuß unser lieben Frauen, welches aufbewahret wird in einem Kloster in Hispania“; „Johannes der 22. diß Namens Papst, hat allen denen, die diß Maß andächtiglich kussen, und drey Vatter unser, und 3. Ave Maria betten, 700. Jahr Ablaß verlihen“;“Clemens der 8. hat obgemelten Indulgenz bestätigt“.)

Otto Ender

Vorgestellt von Dr. Peter Melichar, Leiter des Sammlungsbereiches Geschichte

Buchumschlag (Hans Huebmer, Dr. Otto Ender, Dornbirn 1957; Inv.-Nr. 5345)

 

Wer ist dieser Herr mit Zigarre und dem durchdringenden Blick? Der einzige Vorarlberger Politiker, der je Bundeskanzler war: Otto Ender, geboren 1875 in Altach, gestorben 1960 in Bregenz, langjähriger Landhauptmann von Vorarlberg in der Zwischenkriegszeit und Vertreter Vorarlbergs im Bundesrat. Bundeskanzler war er nur wenige Monate 1930/1931. Ender ist heute umstritten, da er nicht nur die Heimwehr in Vorarlberg leitete, Zensurmaßnahmen ins Werk gesetzt haben soll, sondern vor allem als Minister in der Regierung Dollfuß federführend an der ständestaatlichen Verfassung (1. Mai 1934) beteiligt war. Es ist merkwürdig, dass zu diesem Politiker nur sehr wenige wissenschaftliche Publikationen vorliegen. Gerade deshalb ist es eine Herausforderung, sich mit seinen Positionen in all ihrer Ambivalenz auseinanderzusetzen. Deshalb – und nicht wegen der modern anmutenden graphischen Gestaltung des Umschlags – habe ich diesen Buchumschlag mit einem Foto Otto Enders ausgewählt.

Missionsnegerle

Vorgestellt von Mag. Silvia Gross, Kulturvermittlung

Text zu den Objekten Nr. N791/a u. N791/b

Den Blick flehentlich nach oben gerichtet kauert der schwarze Mann auf der Bank und nimmt demütig nickend die Münzen entgegen, die der gläubige Kirchgänger ihm zukommen lässt. Ein kleineres Pendant, in Frack und Zylinder an einen dressierten Affen gemahnend, erfüllt ebenso bravourös Dienst und Klischee.

Bis in die 70er Jahre kamen Heerscharen von sogenannten „Nicknegern“ ihrer Mission in den Kirchen des Landes nach. Ob die beiden „Missionssammelbüchsen mit Mechanik“, die unter den Inventarnummern N791/a und N791/b  der Skulpturensammlung des vorarlberg museums zugeschlagen wurden, das Ende ihrer zweifelhaften Karriere einem Akt von Political Correctness zu verdanken haben, ist nicht mehr nachvollziehbar. Ihren Ruhestand verbringen die beiden Negerfiguren jedoch in einer trauten Runde von ausrangierten Heiligen, mit denen sie sich seit dem Ankauf im Jahr 1992 Schrank und Schicksal teilen.

Zwei Werbebroschüren

Vorgestellt von Dr. Tobias G. Natter, Direktor des Vorarlberger Landesmuseums

Zwei Werbebroschüren des Landesverbands für Fremdenverkehr in Vorarlberg

undat. (um 1938)

Kupfertiefdruck, Hersteller/Künstler: Landesverband für Fremdenverkehr in Vorarlberg, Herausgeber: Risch-Lau

 

 Zwei Faltblätter, die sich so sehr gleichen, dass sie identisch scheinen. Auch die Absicht geht in dieselbe Richtung: Die Bewerbung des Landes Vorarlberg als Tourismusdestination im Winter 1938. Und doch ist etwas anders. Im Grunde funktionieren die beiden Druckwerke wie ein Suchbild-Rätsel. Was ist anders? Wo liegt der Unterschied? Eine Differenz tut sich auf bei der geografischen Verortung von Vorarlberg. Hier als Teil Österreichs, dort als Teil des deutschen Reiches, wie der neue Aufdruck zeigt. So führen die beiden Werbebroschüren vom Kleinen ins Große, von einem Tourismusfolder zum „Anschluß“, mitten hinein in die Frage politischer Umwälzungen, Strategien visueller Kommunikation und „Idylle“ am Rande der Propaganda. 

Pudelflasche


Vorgestellt von Dipl. Rest. Natalie Ellwanger, Leiterin der Restaurierung

Zwei kleine, interessante Flaschen habe ich im Depot gefunden. Sie stellen kleine dicke Hunde dar die auf steifen Beinen stehen. Der Flaschenhals befindet sich, interessanter Weise, am Hinterteil des Hundes und besteht aus einem Zinnverschluss. Vermutlich handelt es sich bei diesen beiden außergewöhnlichen Flaschen um Schnapsflaschen. Der Begriff „Pudelflasche“, der sich im Inventar zu diesem Fundstück findet, belegt die Kuriosität dieses Objektes. Nur zum Gebrauch kann ich leider keine genauen Angaben machen, da sich hierzu, trotz eingehender Recherche, nichts Aufschlussreiches finden ließ.

Minerva 569

Fernseher (2) Fernsehgerät mit integriertem Plattenspieler und Radio um 1956-58, Hohenweiler
Vorgestellt von Dr. Michaela Reichel, Projektkoordinatorin VLM Neu

Laut einer handschriftlichen Notiz handelt es sich bei diesem Gerät um den ersten Fernseher, den es in Hohenweiler gab. Das imposante Holzgehäuse auf Rollen enthält neben dem Fernsehgerät auch einen Plattenspieler und ein Radio. Es wurde in den zwischen 1956 und 1958 von der Firma Minerva Wien hergestellt. Seit 1924 erzeugte der Betrieb Radios, 1954 – noch ehe es regelmäßig ausgestrahltes Fernsehprogramm gab – dann auch Fernsehgeräte. Das Gerät im vorarlberg museum gehört damit zu den ältesten Fernsehapparaten, die in Österreich hergestellt wurden. Sein Preis betrug 1957 10.950,00 Schilling (ca. 800 €), was heute einem Betrag von 3.680 € entsprechen würde.

Zu dem Gerät existiert noch der Schaltplan und eine ausführliche Bedienungsanleitung, die belegt, wie kompliziert und zeitaufwendig die Sendereinstellung und Bedienung der Urväter der modernen TV-Geräte war

Haarbilder

HaarbildDetailHaarbildSchwarz
Vorgestellt von Mag. Irina Koutoudis, Leitung Kommunikation/Marketing

Handarbeiten aus Draht, Stoff, Garn und menschlichem Haar hinter Glas, gerahmt, Ende 19. Jahrhundert

Dass es so etwas wie „Haarbilder“ überhaupt gibt, war mir vor meiner Tätigkeit am vorarlberg museum nicht bekannt. Mit einem Gefühl zwischen Neugier und Ekeln habe ich mich also auf die Suche in der Sammlung nach solch einem Bild begeben und gleich mehrere gefunden. Zwei der interessantesten sind hier zu sehen. Auf den ersten Blick könnte man diese Bilder für Bastelarbeiten aus Draht und Stoff halten. Bei genauerer Betrachtung sieht man aber, dass echtes Menschenhaar so kunstvoll um Draht und Karton gewickelt wurde, dass daraus recht filigrane Blumen und Blätter entstanden. Eines der Bilder stellt offenbar einen Lebensbaum dar, denn man sieht die Namen und Verzweigungen der hier verewigten Familien auf den kleinen Banderolen. Das zweite ist eine Art Erinnerungstafel an eine im Jahr 1892 Verstorbene („Erinnerung an die liebe Mutter Katharina Wiederin verehl. Häusle gest. den 21. Dezbr. 1892 im 52. Lebensjahr R.I.P.“). Auch wenn dies nicht zweifelsfrei geklärt werden konnte ist wohl anzunehmen, dass das verwendete Haar von der Verstorbenen selber stammt.

“Gruß aus Kuwait”

Vorgestellt von Mag. Magdalena Häusle, Ausstellungsassistenz

Erdöl, 1 Liter Flasche, beschriftet: Gruß aus Kuweit; Geschenk der ENI-Gesellschaft an Landeshauptmann Dr. Keßler (1966/67), Erstes Öl, das in der Pipeline Genua-Ingolstadt durch Vorarlberg floss

Dieses Objekt bringt mich jedes Mal zum Schmunzeln, wenn ich daran vorbei gehe, weil es so skurril anmutet und neugierig auf seine Geschichte macht. Jedes Mal frage ich mich, wie es wohl die Sammlung gekommen ist – und habe beim Blick auf die Inventarkarte festgestellt, dass es sich dabei um einen Liter des ersten Öls handelt, das in den 1960er Jahren durch die allen Bregenzern wohlbekannte Pipeline von Genua nach Ingolstadt und dabei durch Vorarlberg durch floss.