|
Warum wird die Jubiläumsausstellung im Angelika-Kauffmann-Jahr 2007 vom Vorarlberger Landesmuseum veranstaltet?
Tobias G. Natter: Das Vorarlberger Landesmuseum verfügt über die weltweit größte Angelika-Kauffmann-Sammlung. Der Bestand umfasst 24 Ölbilder, mehr als 350 Grafiken sowie zahlreiche biografische Dokumente. Er ist Ausdruck einer über Generationen reichenden Beschäftigung mit Angelika Kauffmann, die in Vorarlberg eine lange Tradition hat. Schon vor einhundert Jahren zeigte das Museum eine für die Rezeptionsgeschichte der Malerin wichtige Ausstellung. Für das Vorarlberger Landesmuseum ist der 200. Todestag der Malerin am 5. November 2007 ein willkommener Anlass, neuerlich eine Großausstellung zu organisieren, die nach der Bedeutung der Künstlerin heute fragt.
Was ist das Spezielle an der Ausstellung "Angelika Kauffmann. Ein Weib von ungeheurem Talent"?
Das Werk und die Person von Angelika Kauffmann faszinieren bis heute. Sie ist in vielerlei Hinsicht modern, ihr Leben als "starke Frau" bis heute ungewöhnlich. Für Angelika Kauffmann wurden viele Etiketten gefunden. Den einen galt sie als die "vielleicht kultivierteste Frau in Europa", den anderen als die "zehnte Muse Roms". Für Johann Wolfgang von Goethe war sie ein "Weib von ungeheurem Talent". Aber wer war sie wirklich? Dieser Frage versucht die Ausstellung nachzugehen.
Zu sehen ist also nicht nur eine kunst-, sondern auch kulturhistorische Ausstellung?
Das ist ein zentraler Punkt, der mir sehr wichtig ist. Ich habe den Eindruck, dass viele Bildthemen der Angelika Kauffmann heute nicht mehr geläufig sind, weil das Wissen um die antike Mythologie und klassische Bildthemen geschwunden ist. Aber in der Zusammenschau von Leben und Werk wird vieles lebendiger. Wie kaum eine andere Künstlerin repräsentiert Angelika Kauffmann den Geist ihrer Zeit, dem sie in ihren Bildern Gestalt verlieh. Längst gilt sie als Klassikerin, deren künstlerische Entwicklung ausführlich analysiert wurde. Neben der kunsthistorischen Auseinandersetzung gab es aber immer auch das Bedürfnis nach einer literarischen Annäherung. Das Leben der Kauffmann bot dafür Stoff in Hülle und Fülle, beginnend mit dem erstaunlichen Aufstieg vom Wunderkind zu legendärem Ruhm, dem Skandal um ihre Ehe mit einem Heiratsschwindler, der Freundschaft mit Goethe, ihrem Salon als gesellschaftlicher Treffpunkt und dem prunkvollen Leichenzug. Dabei fällt auf, dass die beiden Erzählstränge von Kunstwissenschaft und belletristischer Annäherung meist getrennt verlaufen. Als Kurator der aktuellen Gedächtnisausstellung war es mir ein Anliegen, Anregungen von beiden Seiten zu übernehmen. In der Ausstellung wird der aktuelle Wissensstand von Kunst-, Kultur- und Genderforschung zusammengefasst und gleichzeitig der Werdegang der Künstlerin konsequent mit ihrem Lebensweg in Verbindung gesetzt.
Gibt es in der Ausstellung Werke von Angelika Kauffmann, die noch nie im näheren Umkreis zu sehen waren?
Die Ausstellung vereint Schlüsselwerke der Angelika Kauffmann aus ganz Europa. Darunter nicht wenige, die noch nie in Vorarlberg zu sehen waren. Möglich wurde dies durch das großzügige Entgegenkommen der Leihgeber in ganz Europa, die für die Ausstellung unverzichtbare Werke zur Verfügung gestellt haben. Neben privaten Sammlern waren das beispielsweise das Kunsthaus Zürich, die Royal Academy of Arts, London, die Fürstlichen Sammlungen, Vaduz-Wien, die Neue Pinakothek, München, und die Galleria degli Uffizi, Florenz. Eine Leihgabe, auf die ich besonders stolz bin, ist Nathaniel Hones Studie für das Gemälde "The Conjurer – Der Zauberer der Malerei entfaltet die Kunst optischer Verführung", die aus der Tate in London kommt. Angelika Kauffmann argwöhnte, sich in einer der nackten Figuren des
Bildes wieder zu erkennen. Das Gemälde verursachte einen der größten Kunstskandale im 18. Jahrhundert in London. Es war noch nie Teil einer Angelika-Kauffmann-Ausstellung und hat nun erstmalig den Ärmelkanal überquert.
Gibt es weitere Schlüsselwerke?
Eine prachtvolle Reihe von Selbstbildnissen wird beim Publikum nachhaltig Eindruck hinterlassen. In ihren Selbstbildnissen stellt sich Angelika Kauffmann als schöne, alterslose Frau in prächtigen Gewändern dar. Aber daneben habe ich eines der frühesten Zitate über Angelika Kauffmann anbringen lassen, in dem es heißt, sie war "keine perfekte Schönheit". Daraus ergibt sich ein Widerspruch, der Fragen zu Idealisierung, Porträtwahrheit und Inszenierung aufwirft. Wer hat also recht: Die Bilder oder die Worte?
Was macht die Faszination von Angelika Kauffmann aus?
Angelika Kauffmann erscheint mir in vielerlei Hinsicht interessant. Wie Zeitzeugen berichten, schien einst die ganze Welt "angelica-mad" - verrückt nach ihren Werken. Erstaunlicherweise hat sich viel von dieser Begeisterung bis heute erhalten. Das mag mit der Art und Weise zusammenhängen, wie Angelika Kauffmann Grenzen überschritt. Mit geografischen, kulturellen und sprachlichen Barrieren hielt sie sich nicht lange auf. Die europaweite Streuung ihres Werkes ist Zeugnis ihrer bemerkenswerten Mobilität. Angelika Kauffmann war im besten Sinn Kosmopolitin und Europäerin, lange bevor es ein geeintes Europa gab. Aber das ist nur eine Erklärung für die Popularität der Malerin. Das Phänomen Angelika Kauffmann ist damit nur ansatzweise erklärt. Die von ihr ausgehende Faszination schöpft aus vielen Quellen und hat sicherlich auch mit dem Lebensentwurf der Künstlerin zu tun. Anders als die meisten ihrer Kollegen, die eine Laufbahn als Hofkünstler einschlugen, entschied sich die Kauffmann trotz verlockender Angebote für den weitaus fragileren Status einer freischaffenden Künstlerin, die im modernen Sinn mit einem offenen Publikum arbeitete.
Angelika Kauffmann hat in einer dominanten Männerwelt eine unglaubliche Karriere gemacht. Sehen Sie diesbezüglich Verbindungen zur heutigen Zeit?
Ihre noch heute beeindruckende Karriere war im 18. Jahrhundert eine Sensation und ist noch heute außergewöhnlich. Aus einfachen Verhältnissen stammend stieg Angelika Kauffmann zu einem gefeierten Star auf, stand in vertrautem Kontakt mit Europas gekrönten Häuptern und führte einen Salon, zu dem die geistige Elite drängte. Einer ihrer Gäste war Johann Wolfgang von Goethe. Als Freund und Künstlerkollege verneigte er sich vor ihr als einem "Weib von wirklich außerordentlichem Talent". Damit gestand er ihr zwar Talent zu, doch "Genie" behielt er Männern vor. Gegen diese lebenslange Diskriminierung hat sich Angelika Kauffmann erfolgreich behauptet und inmitten einer dominanten Männerwelt ihre unverkennbar eigene Marke geschaffen.
Neben dem Vorarlberger Landesmuseum wird auch das neue Angelika Kauffmann Museum im Bregenzerwald als Ausstellungsort miteinbezogen. Warum findet die Jubiläumsschau an zwei Orten statt?
In Hinblick auf das aktuelle Gedenkjahr stand von Anfang an fest, dass eine Ausstellung ohne den Schulterschluss mit der Gemeinde Schwarzenberg unvollständig bliebe. Schwarzenberg, der Geburtsort ihres Vaters, war für die Künstlerin mehr als nur das "Vaterland". Je erfolgreicher die Künstlerin draußen in der Welt war, desto mehr fühlte sie sich im Bregenzerwald verwurzelt. Noch heute zeugen die rege Korrespondenz mit ihren Verwandten, die wiederholten Zuwendungen und die testamentarischen Stiftungen von dieser wichtigen Facette ihrer Identität. Nichts lag also näher, als das Angelika-Kauffmann-Jahr in Form einer gemeinsamen Veranstaltung von Vorarlberger Landesmuseum und der Gemeinde Schwarzenberg zu begehen. Basis der Kooperation war die partnerschaftliche Idee: "Eine Ausstellung an zwei Orten". Inhaltlich habe ich mich entschieden, im Vorarlberger Landesmuseum Leben und Werk der Angelika Kaufmann im Überblick zu zeigen, während in Schwarzenberg der Bezug zu ihrer Wahlheimat im Vordergrund steht.
Beginnt mit der in Qualität und Umfang außergewöhnlichen Angelika-Kaufmann-Ausstellung eine neue Ära im Vorarlberger Landemuseum?
Vor wenigen Wochen hat die Vorarlberger Landesregierung einen europaweiten Architektenwettbewerb für den Neubau des Vorarlberger Landesmuseums ausgeschrieben. Wie immer dort die Ergebnisse ausschauen werden – auf die wir schon gespannt sind – schon jetzt sei versichert, dass Angelika Kauffmann auch im zukünftigen Vorarlberger Landesmuseum einen zentralen Stellenwert haben wird und dass das Museum seine Position als Angelika-Kauffmann-Kompetenzzentrum international stärken wird.
|